Die Unzertrennlichen

Im Februar 2015 sind Margarete Schock und Ursula Kartschall kurz nacheinander ins KSP-Domizil gezogen. Binnen kürzester Zeit sind aus zwei Unbekannten beste Freundinnen geworden.

„Liebe auf den ersten Blick“ ist jedem ein Begriff – schließlich erzählen unzählige Romane und Filme von der wohl romantischsten Art, in der zwei Menschen einander begegnen können. Mit weniger Bauchkribbeln verbunden, aber mindestens genauso schön ist „Freundschaft auf den ersten Blick“. Zwei Domizil-Bewohnerinnen haben genau dies erlebt. Margarete Schock zog am 20. Februar 2015 ins KSP-Domizil ein, Ursula Kartschall vier Tage später. „Am nächsten Tag sind wir schon zusammengesessen“, erzählt Ursula Kartschall. Margarete Schock bestätigt: „Wir haben uns gleich super nett unterhalten, waren uns von Beginn an sympathisch und haben uns zueinander hingezogen gefühlt.“

Die beiden 89-jährigen Damen haben sich gesucht und gefunden, so viel steht fest. Ursula Kartschall sagt: „Für Freundschaft ist es nie zu spät. Da kann man so alt sein, wie man will.“ Und weil sie sich erst so spät kennengelernt haben, scheinen sie jeden Tag das Versäumte aufholen zu wollen. Sie sitzen den ganzen Tag beieinander – das geht gleich morgens los. Ursula Kartschall wird meist als Erste gegen sieben Uhr wach. Sie macht sich fertig, verlässt ihr Zimmer, klopft zwei Türen weiter und weckt ihre Freundin: „Das habe ich am zweiten Tag das erste Mal gemacht – von da an jeden Morgen.“ Bevor die beiden dann gemeinsam zum Frühstück gehen, drücken sie sich erst mal eine Runde ganz fest. Abends gibt es ein ähnliches Prozedere. „Sonst könnte ich gar nicht schlafen“, sagt Margarete Schock und lacht dabei. Kichern, Glucksen, Prusten – alles keine Seltenheit, wenn die beiden Freundinnen beisammen sind. „Wir lachen oft schon von Weitem, wenn wir uns sehen“, erzählt Ursula Kartschall.

Auch zwischen Aufstehen und Zubettgehen verbringen die beiden Frauen quasi den ganzen Tag miteinander. Sie unterhalten sich, nehmen gemeinsam an der Aktivierung teil, besuchen den Sturzprophylaxe-Kurs oder sie sitzen einfach beisammen und lesen. Wenn eine die andere braucht, ist sie da. Wenn eine krank ist, kümmert sich die andere. Wenn eine um Hilfe bei der Hauswirtschaft gebeten wird, kommt die andere mit. Wenn die Pflegekraft eine nicht auf den ersten Blick findet, heißt es immer: „Wo sind denn unsere zwei?“ „Uns gibt es halt nur im Doppelpack“, sagt Margarete
Schock grinsend.

Das haben auch ihre Familien längst gemerkt. Die Angehörigen verstehen sich ebenso gut, der Verwandtenbesuch kommt mittlerweile immer für beide. Dann stehen Spaziergänge auf der Tagesordnung oder ein Café-Besuch auf dem Schorndorfer Marktplatz.

Was ihre Freundschaft sonst ausmacht? Vier Dinge fallen den Damen da spontan ein. Erstens Offenheit: dass sie sich über alles unterhalten können. Über früher, über Geschichten von zu Hause, über die Familie. Aber ebenso über das Essen, die Dekoration oder den neuesten Klatsch und Tratsch aus dem Domizil. Zweitens Treue, wie eine weitere Anekdote beweist: Eines Tages verschlief Ursula Kartschall, kam nicht wie gewohnt, um ihre Freundin abzuholen. Margarete Schock ging dann nicht alleine frühstücken. Sie wartete und wartete – bis es schließlich doch an der Tür klopfte. „Sonst kann der Tag einfach nicht beginnen“, sagt Margarete Schock. Drittens Harmonie. „Wir hatten noch nie Streit“, sagt Ursula Kartschall, und Margarete Schock nickt zustimmend. Schließlich ist auch Ehrlichkeit für die beiden Freundinnen sehr wichtig. Und wer die beiden erlebt, zweifelt keinen Moment daran, dass sie sich auch dran halten. Schließlich soll ihre Freundschaft länger Bestand haben als viele der Romanzen in Filmen und Romanen – für immer.