"Die Rahmenbedingungen müssen sich ändern"

Interview zur Lage nicht nur in der Kurzzeitpflege mit dem Geschäftsführer der Kranken- und Seniorenpflege Schorndorf

Kurzzeitpflege als Kostenbremse für die Krankenhäuser, keine Wertschätzung für Pflegende, zu wenig Personal: Dass sich in der Pflege grundsätzlich etwas ändern muss, davon ist Martin Kleinschmidt, Inhaber und Geschäftsführer der Kranken- und Seniorenpflege Schorndorf, überzeugt.

Wer nimmt die Kurzzeitpflege in Anspruch und warum?

Notwendig wird die Kurzzeitpflege zum einen durch gesellschaftliche Veränderungen: Frauen sind heute viel häufiger erwerbstätig als früher und Kinder wohnen oft nicht mehr im näheren Umfeld der Eltern. Die Angehörigen sind also nicht kurzfristig verfügbar, wenn jemand aus der Familie gepflegt werden muss. Dazu kommt, dass immer weniger Menschen dazu bereit sind, zu sagen: Ich arbeite nicht, sondern widme mich der Pflege meiner Mutter oder meines Vaters. Kaum jemand möchte auf sein Gehalt verzichten und dann noch die Zusatzkosten, die durch die Pflege entstehen, tragen. Auch die fehlende Anerkennung einer solchen Aufgabe spielt sicherlich eine Rolle. Ein anderer Grund ist das Kostenmanagement der Krankenhäuser. Heute wird nach DRG (Diagnosis Related Groups, deutsch: diagnosebezogene Fallgruppen) vergütet, der Druck, kostendeckend zu arbeiten, ist bei den Krankenhäusern hoch. Daher wollen sie Patienten nur so kurz wie möglich stationär behandeln, das Bett soll schnell wieder frei sein für den Nächsten. Genesung findet gar nicht mehr im Krankenhaus statt. Mit dem Krankenhaus-Sozialdienst gibt es zwar ein Entlastungsmanagement, um Angehörige zu begleiten, aber die
Hauptbelastung tragen die Angehörigen.

Wo sehen Sie im Bereich der Pflege und insbesondere in der Kurzzeitpflege das Problem?

Früher war es so in der Krankenversicherung, dass, egal was man hatte, es eigentlich alles bezahlt wurde. Dann gab es Zuzahlungen, zum Beispiel die Rezeptgebühr oder die Praxisgebühr – überhaupt wird jetzt gespart, im ganzen Zahnarztbereich etwa. 1995 wurde die Pflegeversicherung ins Leben gerufen und ihre Leistungen festgelegt. 15 Jahre lang wurde daran nichts geändert, obwohl die Kosten gestiegen sind, erst 2008 erfolgte eine Anpassung. Das entspricht einer Leistungskürzung von rund 20 Prozent. Auch jetzt steht die Anpassung wieder im Koalitionsvertrag, man redet darüber, aber getan wird nichts. Die Löcher im sozialen Netz werden dadurch immer größer. So kommt es, dass man als Versicherter etwa 50 Prozent der stationären Kosten zuzahlen muss. Das sind je nach Pflegestufe jeden Monat 1200 bis 1800 Euro. Da ist es eine einfache Rechnung, wann die Pflegekosten den Patienten finanziell an die Existenzgrenze bringen. Der Anteil derer, die dadurch in die staatliche Absicherung rutschen, steigt. Die Kurzzeitpflege ist zwar überschaubar, was die Kosten angeht, aber da muss ich auch in die Tasche greifen, vor allem, wenn der Patient keine Pflegestufe hat, denn dann werden die Kosten nicht erstattet.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern?

Die Politik müsste den Beitragssatz der Pflegeversicherung so anpassen, dass der Ertrag die Kosten deckt. Pflege kostet eben Geld. Dann wäre es wichtig, die Leistungen der Pflegeversicherung regelmäßig anzupassen, zum Beispiel die Inflationsrate und steigende Lebenshaltungskosten zu berücksichtigen. Aber auch im Bereich der Fachkräfte muss sich was tun: Der Beruf der Pflege ist gesellschaftlich gering angesehen. Je nachdem, welche Statistik man liest, fehlen 30 000 bis 50 000 Pflegekräfte in Baden-Württemberg bis 2050. Das wird man weder durch Zuwanderung lösen können noch durch teure Imagekampagnen. Es fehlt die Wertschätzung, die Anerkennung, auch die finanzielle. Nehmen wir mal den Personalschlüssel für den Nachtdienst im Pflegeheim: Da kommen 49 Bewohner auf eine Pflegekraft! Das sagt viel über die Wertigkeit der Arbeit, aber auch über die Wertschätzung unserer Senioren aus. Und dazu kommt, dass der Pflegeaufwand immer größer wird, weil die Leute älter werden und schwerer krank sind. Trotz allem, wenn die Rahmenbedingungen stimmen – und die müssen verbessert werden – , ist es ein sehr erfüllender Beruf.